Cities in Motion

SSG Meinung
Schon wieder den Anschluss verpasst?
... mit Cities in Motion von Paradox Interactive sitzen Sie nun endlich selbst am Hebel und dürfen fleißig Linien kreieren, Fahrzeuge kaufen und ein Verkehrsnetz errichten, dass Ihre Fahrgäste zufrieden stimmt.
Cities in Motion ist für Fans des ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr) ein lange erwartetes Juwel, ist es doch gewissermaßen eine moderne, weiterentwickelte Version des im Jahre 2000 erschienenen Verkehrsgigant des Entwicklers und Publishers JoWooD.
Das eigene Verkehrsunternehmen
Hintergrund des Verkehrsgigant und vorliegendem Titel Cities in Motion war und ist das Leiten eines eigenen Verkehrsunternehmens. Sie managen den kompletten Ablauf und Aufbau Ihres eigenen Verkehrsnetzes. Von der Bushaltestelle über den Kauf von Bussen, Straßen- und U-Bahnen inlusive der Linienerstellung liegt alles in Ihrer Hand. Ziel ist es, wie in Wirtschaftssimulationen üblich, ein gewinnbringendes und von den Kunden akzeptiertes Unternehmen aufzubauen. Doch Wirtschaftskrisen, Unfälle und nicht zuletzt unzufriedene Fahrgäste werden Ihnen den Weg zum Verkehrs-Mogul alles andere als einfach gestalten ...
Einmal Kurzstrecke durch die Geschichte, bitte.
Cities in Motion bietet vor dem Hintergrund eines wirtschaftlich florierenden Verkehrsunternehmens gleichzeitig eine Zeitreise durch die fast 100-jährige Geschichte des Verkehrssystems. So hat der Spieler die Möglichkeit, das Szenario in dem Zeitfenster 1920-2020 anzulegen. Zeitgemäße Fahrzeuge aus der jeweiligen Epoche und ein ebenso ansprechend gestaltetes Stadtbild versetzen den Spieler in die Anfänge des Personennahverkehrs. Die Städte wachsen an, immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Stadt, immer mehr Fahrzeuge bewegen sich auf den engen Straßen und der Weg ans Ziel wird durch die Ausmaße der ehemaligen Siedlung immer beschwerlicher. Doch Hilfe naht, als Verkehrs-Mogul der 20er Jahre steigt der Spieler in das Geschäft ein, kauft historische Busse und transportiert damit die ersten Fahrgäste ans Ziel. Im Laufe der Zeit entwickeln sich die Busse weiter, mehr Sitzplätze und mehr Komfort locken weitere Teile der Bevölkerung in die öffentlichen Verkehrsmittel. Die ersten Straßenbahnnetze werden erbaut und schnell hat man die Gunst der Bevölkerung gewonnen und darf an den Fahrpreisen schrauben - doch Vorsicht, nicht jede Fahrt ist den Preis wert und die nächste Wirtschaftskrise wird Ihrem jungen Unternehmen womöglich den Gnadenstoß verpassen - gut haushalten ist also angesagt.
Berlin, Amsterdam, Wien, Helsinki
Dies sind die vier Hauptstädte, die im Kampagnen-Modus für 12 verschiedene Szenarios zur Verfügung stehen. Selbstverständlich gibt es auch einen Sandkastenmodus für selbstbestimmte Bastler und obendrauf spendiert und Paradox Entertainment einen eigenen Karten-Editor, doch dazu später mehr.
Wer schonmal in Berlin war der weiß, wieviele Autos sich durch die Straßen der Hauptstadt drängeln. Immerhin auf rund 20% aller Straßen herrscht Stau, das platziert Berlin an Platz 38 der staureichsten Städte Europas. Doch jetzt sind Sie ja da und dürfen das Verkehrsnetz der Hauptstadt wieder auf Trab bringen. Ein weiteres, interessantes Szenario ist Amsterdam mit all den Grachten, die sich durch den Stadtkern ziehen - hier beweisen sich die Wassertaxis als gute Ergänzung zu anderen Linien. Wien und Helsinki stellen wieder ganz andere Ansprüche an den Spieler und nicht zuletzt dadurch bietet das Spiel für begeisterte Wirtschafts -"Simulanten" jede Menge zu entdecken und zu tüfteln.
Die Einwohner - Studenten, Pensionäre, Geschäftsleute & Arbeiter
... bilden die Bevölkerungsmasse in Cities in Motion. Die Entwickler haben ein komplexes, vernetztes System für das Leben in der (Groß-)Stadt entworfen. So hat wirklich jedes Pixelmännchen sein Zuhause, seinen Arbeitsplatz und seine Ziele, sei es die Uni, die Fabrik, das Kaufhaus oder das Stadion. Nach dem Anklicken eines Bürgers öffnet sich ein Informations- Fenster und man kann neben Details auch die Info ablesen, ob es sich bei diesem Kameraden um einen Autofahrer oder Nützer des ÖPNV handelt. Generell wirkt das Stadtleben sehr authentisch, Studenten fahren in die Uni - oder doch lieber ins Café -, die Arbeiter sind auf dem Weg in die Arbeit, Geschäftsleute strömen in die Innenstadt und die Hausfrau von nebenan deckt sich im Kaufhaus am Stadtrand mit Einkäufen ein - und im besten Fall legen alle Beteiligten den Weg per Nahverkehr zurück - da klingelt es in der Unternehmerkasse!
Linie 1
Über das Informationsmenü neben der integrierten Mini-Karte kann man sich die überlasteten Routen anzeigen lassen, die Bevölkerungsdichte abschätzen oder die Entwicklung und Effizienz der eigenen Routen erfahren. So kann man die optimale Zubringer-Buslinie zur zentralen U-Bahn -Station errichten oder betuchte Manager per Helikopter ans Ziel bringen. Helikopter eignen sich natürlich auch sehr gut, um einen Ausblick über die Stadt zu erhaschen, was weniger bei der Bevölkerung, aber bei Touristen besonders beliebt ist - die zahlen auch gerne paar Währungseinheiten mehr für den Ausflug. Über den Fluß, der sich leicht gewunden durch die Stadt schlängelt, tuckern Boote, die zum Beispiel die Brücken an den beiden Uferpromenaden entlasten. Straßenbahnen sind besonders im Innenstadtbereich sehr effizient, können aber auch als Überlandbahn abgelegene Stadtteile erschließen. Der Bus dient als Zubringer und die U-Bahn vernetzt die beliebtesten Standorte inklusive dem gut frequentierten Flughafen am Stadtrand.
Der Linienbau erfolgt zügig, anfangs noch etwas ungewohnt gewöhnt man sich schnell an die Steuerung - auch wenn so manche Stellen sehr fummelig sind und es mehrere Versuche braucht, bis die Haltestelle oder der Schienenstrang genau dort ist, wo man ihn haben will. Die unterirdischen U-Bahn-Linien (man kann auch als Hochbahn und ebenerdig bauen) sind wohl die anspruchsvollste Herausforderung an den Baumeister, hier muss man Geduld mitbringen. Des Weiteren sind alle Bahnhöfe nur in vier Richtungen anzubringen, d.h. nur im 90° Winkel drehbar. Während z.B. u-Bahn-Schienen auch im 45° Winkel verlegt werden können, kann in dieser Position keine Haltestelle eingefügt werden. Straßen und Häuser sind fix, entweder man bastelt sich seine Stadt im Editor vor oder muss sich eben mit den örtlichen Gegebenheiten arrangieren - wobei das realistisch ist, nicht jedes Haus wird abgerissen, nur weil das der kürzeste Weg für die neue Hochbahn ist.
Eine Linie erstellt man nach dem Bau der Haltestellen - bzw. Gleisen bei U- und Straßenbahn - indem man einfach die verschiedenen Haltestellen nacheinander anklickt - intuitiv, simpel, verständlich. Dann noch das passende Fahrzeug mit optimaler Kapazität und Geschwindigkeit hinzugefügt und mit dem Klick auf die grüne Flagge kann die Fahrt beginnen. Nur Fahrpläne kann man leider nicht anlegen. Nutzt man mehrere Busse auf einer Linie kann man sie natürlich zeitversetzt starten, doch so mancher Stau führt dazu, dass früher oder später doch eine kleine Kolonne an Bussen immer gleichzeitig an Stationen einfährt. Schade, denn das wäre quasi das Sahnehäubchen für Cities in Motion gewesen. Doch wer sich ein wenig mit dem Thema befasst weiß auch, dass Fahrplanerstellung eine der anspruchvollsten mathematischen Herausforderungen überhaupt ist - vor allem bei einem Betrieb von mehr als 10 Linien, die aufeinander abgestimmt werden müssen. Mit der Anzahl der Haltestellen multipliziert sich der Aufwand exorbitant.
Meine eigene Stadt
Mit dem beiliegenden Karten-Editor dürfen kreative Köpfe - die die nötige Zeit mitbringen - eine eigene Stadt kreieren. Hier sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt - abgesehen davon, dass man bisher ausschließlich die im Spiel bereits vorhandenen Gebäude nutzen kann. Doch auch hier arbeitet die Community zu Cities in Motion an Möglichkeiten, Farbe und später auch Form der verwendeten Bauten abzuändern. Es braucht etwas Zeit um sich in den Editor einzufinden, doch im Grunde sind alle Elemente verständlich angeordnet und nach kurzer Zeit sind erste Ergebnisse erkennbar. Man muss sich allerdings darauf vorbereiten, dass das Erschaffen einer kompletten Stadt viel Zeit in Anspruch nehmen wird, da wirklich jeder Briefkasten und jedes Verkehrszeichen einzeln gesetzt werden kann/muss. Für Bastler und Freunde der kreativen Kunst allerdings ein gefundenes Fressen.
Technische Aspekte
Das Spiel läuft stabil und ich konnte keine Abstürze verzeichnen. Grafisch bewegt es sich in diesem Genre auf hohem Niveau. Die Animationen wirken wirklichkeitsnah und die Straßen belebt durch Autos, Züge und überall wuselt es von Passanten. Der Spielsound dudelt dezent im Hintergrund und ich habe ihn nicht als störend empfunden - lediglich im Hauptmenü wird man mit etwas aufdringlicher Musik beschallt.
Der Fuhrpark
Der Spieler kann aus unten aufgelisteten Verkehrsmitteln wählen. Insgesamt stehen über 30 verschiedene Busse, Straßenbahnen, Boote und Helikopter für den schnellen Transport der Fahrgäste zur Verfügung.
Busse:
Maurice Astor (Kapazität 8 | 15; Geschw. 30 | 40)
Livingstone Ocelot (Kapazität 12 | 25; Geschw. 40 | 45)
Bismarck (Kapazität 18 | 50; Geschw. 35 | 45)
Jubilee Carrier (Kapazität 14 | 25; Geschw. 45 | 50)
Pavlov Extended (Kapazität 20 | 60; Geschw. 40 | 50)
Stern-Berger Urban (Kapazität 14 | 30; Geschw. 55 | 55)
Pathfinder City (Kapazität 18 | 40; Geschw. 50 | 55)
Stern-Berger 1200 (Kapazität 16 | 30; Geschw. 55 | 55)
DD-Jubilee Turtle (Kapazität 20 | 70; Geschw. 45 | 55)
Pavlov Stretch (Kapazität 24 | 50; Geschw. 50 | 55)
Arnauld Supra (Kapazität 16 | 45; Geschw. 60 | 60)
Stern-Berger Doppel (Kapazität 25 | 110 - 130 (je nach Hersteller) | 120; Geschw. 55 | 55)
Comet XL (Kapazität 29 | 180 - 225 (je nach Hersteller) | 200; Geschw. 60 | 60)
Jubilee Compact (Kapazität 12 | 20; Geschw. 80 | 60)
Maurice Futura (Kapazität 18 | 40; Geschw. 70 | 60)
Straßenbahn-Züge:
Zossen Mark-I (Kapazität 10 | 54 - 60 | 40; Geschw. 65 | 60)
James Cook (Kapazität 15 | 80; Geschw. 50 | 55)
Pavlov Elektika (Kapazität 20 | 111 | 2x 50; Geschw. 60 | 70 | 60)
Espen 1 (Kapazität 24 | 105 | 100; Geschw. 70 | 70)
Railcard Volatio (Kapazität 30 | 180; Geschw. 75 | 75)
Louis Enviro X (Kapazität 34 | 200 | 200; Geschw. 85 | 85)
Scanditram Milti (Kapazität 26 | 100); Geschw. 80 | 80)
U-Bahnen:
Brotzeitschachtel (Kapazität 4 Wagen je 10 | 2 Wagen mit 88 | 4 Wagen je 40; Geschw. 60 | 50 | 60)
Livingstone Bulwark (Kapazität 50; Geschw. 85 | 85)
Arnauld Mobile (Kapazität 60; Geschw. 75 | 75)
Brighton Roller (Kapazität 72; Geschw. 80 | 80)
Musketeur C4 (Kapazität 90; Geschw. 90 | 90)
Galaxie Zoner (Kapazität 65; Geschw. 100 | 100)
Helikopter:
Colossal Mosquito (Kapazität 16; Geschw. 80)
Lancer 620 (Kapazität 10; Geschw. 90)
Aerocruiser 4 (Kapazität 12; Geschw. 100)
Wassertaxis:
Mandrake Steamer (Kapazität 36; Geschw. 40)
Ciapada Loutra (Kapazität 25; Geschw. 60)
Donau Turtle (Kapazität 40; Geschw. 80)
Alle Fahrzeuge sind in verschiedenen "Ausbaustufen" verfügbar, so gibt es Busse mit und ohne Drehgelenk, Straßenbahnen mit 2 oder 3 Wagen usw. - somit kann man stets auf die Bedürfnisse der Situation reagieren. Die digitalen Verkehrsmittel tragen fikive Namen, sind aber natürlich stark an die Hersteller der uns bekannten Modelle angelehnt. So können Kenner auch erkennen, dass der im Spiel verwendete Bus "Pathfinder City" doch sehr stark dem AEC Routemaster ähnelt, der das Stadtbild Londons seit Jahrzehnten prägt. Straßenbahn-Freunde finden Modelle von MAN, Duewag (E1), Alstom, Adtranz Variotram etc. vor.
FAZIT
(+) PRO
Komplexes Handlungssystem mit gut umgesetzter, variabler Bevölkerungs-KI
Liebevoll gestaltete, detailierte Szenerie, die auch einfach nur zum Zuschauen einlädt
Sehr gut animierte Fahrzeug-Modelle
Vielseitiger Karten-Editor für Bastler mit Zeit
Linienbau (größtenteils) intuitiv und schnell verinnerlicht
(-) CONTRA
U-Bahn Bau stellenweise sehr kompliziert
Leider sind nur 90°-Drehungen der Bahnhöfe möglich
Straßen und Häuser können nicht abgerissen werden
Anlegen eines Fahrplanes nicht möglich, Staugefahr unter den selbst eingesetzten Bussen
Wer sich für Verkehrsgigant begeistern konnte, der wird Cities in Motion lieben! Bereits jetzt hat sich eine gute Community versammelt, die das Spielgeschehen mit Mods (durch Spieler entwickelte Erweiterungen) noch weiter optimieren. Auch Paradox Entertainment will weitere Spielinhalte veröffentlichen. Wer Interesse für Verkehrssysteme mitbringt und gern tüftelt wird mit diesem Titel für lange Zeit beschäftigt sein. Alleine die Kampagnen nehmen viel Zeit in Anspruch, der Sandkastenmodus und selbst kreierte Karten erledigen den Rest. Insgesamt ein sehr detaillierter, liebevoll gestalteter Wirtschaftssimulator - doch Vorsicht: Nicht zu verachtender Suchtfaktor!








