Call of Juarez: Bound in Blood

SSG Meinung
Der gute alte Western ist wieder im Kommen und wir haben immer eine Patrone im Lauf!
Lange Zeit wurde das Western-Genre in Videospielen eher stiefmütterlich behandelt. Rockstar hat 2004 mit "Red Dead Revolver" (PS2/XBox) ein innovatives, vergnügliches Game entwickelt, dass lange Zeit nach seinesgleichen suchte. Das Entwicklerstudio Neversoft hielt 2005 mit dem Spiel "Gun" dagegen - beide Spiele hatten durchaus ihre Stärken und Schwächen und letztendlich teilte sich die Western-orientierte Spielergemeinde dahingehend in zwei Parteien. 2007 erschien "Call of Juarez" für X-Box 360 und PC, mit dem das Studio Techland einen neuen, unkonventionellen Weg einschlug. COJ wurde ein im Western-Stil angesiedelter Shooter, der durch seine Neuartigkeit zwar für Aufsehen sorgte - doch aufgrund seiner klischeehaften Story, grafischen Mängeln und jeder Menge Bugs doch wieder auf dem Friedhof in Sachen Videospiele landete. Heute, zwei Jahre später ziehen die Macher mit der Fortsetzung "Call of Juarez: Bound in Blood" nach und liefern neuen, spannenden Stoff für alle schießwütigen Cowboys im Lande.
Story
Obwohl es sich bei "COJ: Bound in Blood" um ein Prequel handelt, beinhaltet es eine eigenständige Story. Hauptakteure des Spiels sind die Brüder Ray und Thomas McCall, die sich zu Zeiten des Bürgerkriegs bei der Armee einschreiben um in amerikanischer Manier für ihr Land zu kämpfen. Der dritte Bruder im Bunde, William, ist Priester und spielt im Grunde nur eine untergeordnete Rolle in der Geschichte - eher stört man sich irgendwann an seiner Sorge, es könne seinen Hau-Drauf-Brüdern etwas zustoßen. Die Brüder dessertieren später ihren Dienst um die Farm ihre Familie zu beschützen. Später erfahren sie von einem wertvollen Schatz und eine Hetzjagd druch das Land beginnt ...
Gameplay
Die Level sind linear aufgebaut und die Spielwelt nimmt stets durch natürliche Grenzen ein Ende. Zwei Level lassen dem Spieler zwar mehr Raum, dann ähnelt das ganze schon eher einem Open-World-Feeling, doch hauptsächlich befindet man sich in eng abgegrenzten Arealen. Letztendlich ist es Geschmackssache, so mancher Spieler genießt die Freiheit einer nahezu unbegrenzten Spielwelt - andere werden gerne durch Cutscenes direkt ins Geschehen geworfen und lösen die ihnen gestellten Aufgaben. Missionstechnisch ist "COJ: Bound in Blood" durchaus abwechlsungsreich - zum einen bietet es die von einem solchen Spiel natürlich erwarteten wilden Schießereien, Verfolgungsjagden in einer Kutsche und blutige Kämpfe in Westernstädten, die in einem Duell auf Leben und Tod hinauslaufen. Das Spiel bietet aber auch immer wieder Gelegenheit aus dem Standard-Shooter-Genre auszureißen und lässt den Spieler Kanonen bedienen oder in einem Kanu den Fluß entlang paddeln.
Vor dem Start des jeweiligen Levels kann man sich für einen der Brüder als Spielfigur entscheiden. Beide verfügen über verschiedene Spezial-Fähigkeiten und Waffen, dadurch bietet sich dem Spieler ein differenziertes Gameplay, da je nach Auswahl verschiedene Lösungsansätze und Skills bereitstellt. Besonders einfallsreich ist die Kooperation der Geschwister - die toll synchronisierten Dialoge und Einzeiler sind durchaus unterhaltsam und man ist stets auf den anderen angewiesen - sei es, um über Mauern zu klettern, Feinde einzukreisen, sich mehr oder weniger wertvolle Tipps geben zu lassen oder einfach nur gemeinsam zu fluchen.
Ray liebt den großen Auftritt und da er im Umgang mit Dynamit sehr geübt ist sorgt er immer wieder für jede Menge Zerstörung. Doch die Hölle steigt erst dann so richtig auf, wenn dieser Kerl auf eine Gatling-Gun trifft ... Thomas ist eher auf leisen Sohlen unterwegs und kämpft mit dem fast lautlosen Bogen und tödlichen Wurfmessern. Außerdem kann er sich mit seinem Lasso über Abgründe schwingen oder auf andere Ebenen erklimmen. Die beiden Brüder können in Innenräumen auch Stühle und andere Gegenstände verwenden um sich im Nahkampf einen "hölzernen" Vorteil zu ergattern.
Erlegt man viele Gegner in kurzer Zeit kann man in den "Konzentrations-Modus" wechseln und in Slow-Motion mehrere Ziele anvisieren, die dann innerhalb kürzester Zeit durch eine wahre Kugel-Salve nidergestreckt werden. Und was wäre ein guter Western ohne ein nervenzerreißendes Duell auf staub-gepeitschten Straßen einer Wüstenstadt? Da wir nicht in Brokeback-Mountain unterwegs sind findet sich auch dieses gute alte Western-Element in dem Spiel: Mit dem Analog-Stick steuert man seine Hand über der Waffe und pünktlich zum Glockenschlag zieht man den Revolver und jagt dem Gegner eine Kugel in den Leib - oder man scheitert und versucht es nochmal ... und nochmal - dies zeigt einmal mehr, dass Videospiele einfach sicherer sind als würde man selbst zu Zeiten des Wilden Westens als Cowboy unterwegs sein.
In etwa 8 Stunden erreicht man das Ende der Storyline, die durch unerwartete Wendungen auf ein fulminantes Finale hinausläuft. Wer dann seinen Hut noch nicht abnehmen möchte geht online und kann dort dank der fünf verschiedenen Multiplayer-Modi gegen Spieler aus aller Welt den Colt ziehen. Sehr zu empfehlen hierbei ist "Wild West Legends", hier wird den Spielern eine Aktion vorgegeben - z.B. ein Banküberfall - eine Partei sprengt den Tresor, sorgt für Pferde und versucht mit der Beute zu fliehen während das andere Team versucht genau das zu verhindern. Obwohl ein Multiplayer-Modus für das Spiel existiert vermisst man einen Koop-Modus, denn damit könnte man mit einem Freund zusammen die Story-Missionen absolvieren anstatt dem "KI"-Bruder über die Brücke zu helfen. So sehr es auch den Anschein macht, dass dies ursprünglich von den Entwicklern vorgesehen war - diese Funktion sucht man leider vergebens. Doch auch der Single-Player-Mode und das Online-Spielen bringen jede Menge Freude und es steht einem immernoch die Möglichkeit offen die Level mit Ray bzw. Thomas erneut zu spielen.
Steuerung
Obwohl ich im Genre Shooter allzeit mit Maus & Tastatur besser bedient bin spielt sich "COJ: Bound in Blood" sehr gut und dank der Auto-Aim-Unterstützung fällt das Schießen selbst Konsolen-Shooter-Grobmotorikern wie mir sehr leicht. Das Deckungs-System ist aufgrund der mangelnden Sicht anfangs noch ungewohnt, doch schnell hat man sich an das Prozedere gewohnt und entwickelt wahre Freude daran hinter Kisten hervorzuspähen und die Gegner vor die Flinte zu bekommen. Das Reiten ist hier eher zu direkt eingestellt und es will einfach kein "Sattelgefühl" aufkommen. Eher wirkt das Ganze wie eine Fahrt auf dem Jahrmarkt - nur dass nebenbei mit dem Colt herumgeballert wird.
Grafik
Grafisch pendelt sich das Spiel irgendwo in der Mitte von "Toll" und "Naja" ein. So schön die Explosionen, Hintergründe und Landschaften auch immer wieder wirken - die Animationen der Charaktere wirken stellenweise etwas steif, das Reiten ist wie erwähnt nicht wirklich authentisch. Gerade bei einem Western-Spiel - bei dem Pferde von Natur aus einfach unverzichtbar sind - hätte man sich etwas mehr Innovation bei der Umsetzung gewünscht. Ein grafisches Fiasko ist die Postkutschenfahrt, hier fällt ins Auge, dass bei Kamerabewegungen unschöne Schimmer und Grafikfehler das Spielerlebnis mindern - auch hier könnte nachgebessert werden.
Sound
Schon im ersten Level muss der Spieler als Soldat eine Brücke sprengen und sorgt damit für einen mächtigen Kawumm, der garantiert auch den stärksten Indianerhäuptling aus dem Tipi holt. Die Feuergefechte klingen satt und kernig - es kommt wahres Western-Feeling auf. Die Hauptaktuere sind gut vertont und unterhalten den Spieler immer wieder durch ihre Kommentare zum Geschehen. Kleines Manko sind Nebendarsteller der Story, hier wurde nicht besonders darauf geachtet ob die Stimmung des Spiels auch entsprechende Bedeutung in der Sprache findet. Na klar, da darf der Praktikant dann auch mal Indianer spielen ...
Fazit
Jeder Western-Fan der bei Klassikern wie "Spiel mir das Lied vom Tod", "Für eine Handvoll Dollar" oder modernen Verfilmungen wie "Unforgiven" gerne mal selbst in die Sporen steigen und den Abzug betätigen würde kommt bei diesem Spiel voll auf seine Kosten. Sowohl spielerisch als auch grafisch hält "Call of Juarez - Bound in Blood" so einige Überraschungen bereit und fordert den Spieler immer wieder mit innovativen Einlagen. Der große Bruder des ersten "Call of Juarez" bietet definitiv mehr Spielspaß als der Erstgeborene. Den Akteuren wird im Laufe der Geschichte jede Menge Charakter eingehaucht, es wird geballert bis der Bestatter kommt und heiße Wild-West-Girls sind natürlich auch geboten. Von actiongeladenen Schusswechseln bis hin zu gemütlichen Kanuausfahrten bietet das Spiel alle Facetten die ein guter Western braucht ...
Doch auch hier ist ein Duell-Konkurrent nicht fern, und zwar in Form des GTA-erprobten Rockstar-Teams, dass im Herbst diesen Jahres das Open-World-Spektakel "Red Dead Redemption" auf den Markt bringt. Es gilt abzuwarten, ob dieser Western-Sprößling unseren Testkandidaten "Call of Juarez: Bound in Blood" im direkten Duell noch ausstechen kann.
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