Call of Juarez: The Cartel

SSG Meinung
Der neueste Ableger des Mexiko-Shooters sendet den Spieler in zeitgenössische Gefilde- ob das eine gute Idee war?
Die Story
Als Mitglied der Drogenbehörde wird der Spieler beauftragt, sich dem dealenden Milieu zuzuwenden und den illegalen Machenschaften Einhalt zu gebieten. Zu allererst muss man eine von drei Spielfiguren wählen, zum einen wäre da Ben McCall, ein gnadenloser LAPD-Cop und gleichzeitig Nachfahre von Ray McCall- irgendwie denke ich bei diesem Kerl an das weiße Unterhemd und die Ereignisse am Nakatomi Plaza aus einer erfolgreichen Action-Reihe in der Menschen gerne "langsam sterben" ... Zum Anderen gibt es noch den Charakter Eddie Guerra, Drogenfander der DEA mit einer (chronischen) Schwäche für Glücksspiel und zu guterletzt Kim Evans, knallharte Superfrau, deren Sex-Appeal ein wenig unter ihrer Art leidet. Sie war ehemals Mitglied einer Gang, bevor sie zum FBI wechselte.
Für welche Figur sich der Spieler entscheidet wird keinerlei Auswirkungen auf den zukünftigen Handlungsstrang oder spieltechnische Entscheidungen haben- ihr erlebt das Geschehen lediglich aus der Perspektive einer anderen Person, doch selbst das wird hinfällig, wenn der eigene Charakter nur aus zwei Händen und einer Waffe besteht. Achso, "stimmlich" macht das wohl einen Unterschied, doch viel gebabbelt wird bei den Schießereien dann auch nicht.
15 Kapitel umfasst die Geschichte, die ohne große Wendungen auskommt. Insgesamt wirkt das Ganze eher zusammengestöpselt um eine einigermaßen akzeptable Basis für die nächste Verfolgungsjagd oder sinnlose Schießerei zu schaffen. Und wenn man denkt es geht nicht weiter, dann kommt ein Spitzel daher und sorgt für eine unerwartete Überraschung- hier hätte man sich doch beispielsweise aus zahlreichen, guten Filmen ein wenig Inspiration holen können. Die Charaktere sind platt, ebenso wie die Dialoge und sinnfreie Einzeiler. Mag sein, dass ich auch mal schlecht ziele, aber da hilft 20mal derselbe Kommentar des Kollegen auch nicht weiter.
Gameplay
Ich muss schon zugeben, nicht jedes Spiel katapultiert die Person am anderen Ende der Bildfläche so schnell in das Geschehen wie Call of Juarez: The Cartel. Ohne großes Vorgeplänkel steht man im Schiebedach eines dahinrasenden Fahrzeugs und darf die schwarzen, gepanzerten SUV's zerstören, die einem aus noch unerfindlichen Gründen feindlich gesinnt sind. Erst danach trifft man auf die Mitglieder der Spezialeinheit, die Informationen für ihren Auftrag erhalten. Ein mexikanischer Drogenboss steht im Visier, der tief in illegale Machenschaften verstrickt ist- das Übliche also.
Wenig später darf man dann auch das erste Mal ans Steuer und sich auf Serventinen durch den Wald den Berg raufschlängeln. Ich bin durchaus ein Fan der Cockpit-Perspektive, denn auch hier hält man sich an die Ego-Perspektive des Protagonisten. Sehr stark bemerkbar macht sich die äußerst arcadelastige Steuerung des SUV - was nicht zwingend ein Nachteil sein muss, aber um Einiges weniger Feingefühl verlangt als andere Titel. Genau an der Einfahrt, die von besonders vielen "Betreten verboten" Schildern geschmückt wird muss ich laut den Kollegen abbiegen und nach ein paar Metern Waldweg weiß ich auch warum: Hier findet sich die örtliche Hanf-Plantage und das Stöffchen wird sicher nicht zu robusten Hosen oder Segeltauen verarbeitet. Obwohl der Kollege im Einsatzteam nicht abgeneigt zu sein scheint machen wir uns auf die Suche nach den aufstrebenden Bauern und - wer hätte es gedacht - das ganze entwickelt sich zu einem heftigen Schusswechsel und da geht es schon los mit den Problemen.
Die Intelligenz-Suppe mit der Gabel gegessen
Bei der KI der Gegner könnte man vermuten, dass die Ernte der oben beschriebenen Felder durchaus regelmäßig ausgiebig kontrolliert und konsumiert wird- die trotteligen Widersacher stolpern nur so aus ihren Verstecken und rennen wie von der Tarantel gestochen durch den Wald. Das Zielen wirkt schwerfällig, der Waffenwechsel stellt sich als Geduldsprobe heraus und beim Vorübergehen die Knarre des Gegners aufheben kann schnell mal zu einem Kopfschuss am eigenen Leibe führen. Kein Wunder, wenn man sekundenlang mit gesenktem Blick im Unterholz umherirrt. Deckung sucht man vergebens, es sind zwar durchaus natürliche Gegebenheiten vorhanden, doch kann man lediglich in geduckte Haltung wechseln, was das hakelige Manövrieren der Spielfigur nicht besser macht. Doch auch im eigenen Team ist es mit der (künstlichen) Intelligenz nicht ganz so weit her- munter lungert man hier in der Schusslinie herum und lässt sich niedermähen- bravo.
Konzentration ist gefragt
Schön, dass man für das mittlwerweile sehr beliebte Zeitlupe-zum-besser-Zielen-Konzept immer wieder neue Namen erfindet. Ganz früher hieß es mal "Bullet-Time", echte Cowboys zielen heutzutage im "Dead Eye"-Modus und in Call of Juarez: The Cartel fixieren wir unsere Gegner eben im "Konzentrations-Modus". Wie auch immer, als Widersacher von dem Spieler in Zeitlupe erledigt zu werden muss schon deprimierend sein- man hat ja nicht mal Zeit "nachzuziehen" oder sich mit dem schnellen Tod abzufinden. Man möchte fast sagen, dass solche Features ein wenig die Fairnis-Balance verunglimpfen. Andererseits bin ich selbst nicht gerade ein Shooter-Ass und von daher nutze ich selbst gerne solch unfeine Mittel zum Zweck...
Heiße Reifen
Die Verfolgungsjagden sind wohl tatsächlich das Spektakulärste an Call of Juarez: The Cartel- nicht, dass man wirklich etwas "Neues" erwarten könnte, aber sowohl hinter dem Steuer als auch aus dem Fenster oder Schiebedach gelehnt machen diese Sequenzen wirklich Laune. Über Highways und durch enge Straßenschluchten wird ein richtiges Action-Feuerwerk geliefert, da tut es einem fast leid, wenn man anschließend wieder aussteigen und per pedes die Gegner unschädlich machen muss. Doch auch im Wagen läuft es nicht immer wie geschmiert- kennt ihr die Leute, die mit einem Reifen halb-halb auf dem Borstein parken? Irgendwie hat man das Gefühl, dass das nicht besonders gut ist für die Reifen. Nun ja, solche Phänomene können in Call of Juarez: The Cartel garnicht auftreten, denn Straßenbegrenzungen wie besagte Bordstein-Kante sind unüberwindbar, selbst für breit bereifte PS-Boliden keine Chance- was sich an manchen Ecken als sehr ärgerlich herausstellt, wenn man von hartnäckigen Verfolgern malträtiert wird.
Du bist nicht allein.
Huh, gruselig, nicht wahr? Naja, nicht wirklich, ganz im Gegenteil, eher ist der Koop-Modus in Call of Juarez: The Cartel ein sehr erfreuliches Feature! Bis zu zwei Mitspieler können dem Spiel beitreten und jede der 15 Missionen gemeinsam erleben. Die Team-Kollegen aus der Single-Kampagne dienen als Charaktere, verschiedene Schauplätze als Lobby und im Fahrzeug findet sich wie gewohnt das gängige Waffenarsenal- feine Sache, ein netter Zusatz!
Grafik
Wer bei Call of Juarez: The Cartel High-End-Grafik erwartet muss leider enttäuscht werden. Man hat seit dem letzten Wild-West-Abenteuer sicherlich eine Steigerung erfahren, doch die ist alles Andere als mitreißend. Nette Lichteffekte schaffen es nicht, die Schattenseiten der Gesamtsituation aufzuhellen. So sauber und ordentlich die Charaktere in den Cutscenes auch wirken, sowohl deren Bewegungen als auch Texturen wirken eher veraltet als die Schaffenshöhe, die man von einem aktuellen Titel erwartet. Die Umgebungsgrafik schwankt, mal gibt es landschaftlich tatsächlich sehr gelungene Elemente, die dem Spieler durch lieblose Level- und Detailgestaltung direkt wieder den Spaß verderben. Sämtliche Gegenstände sind "fest gefroren", kaum etwas reagiert auf Schüsse, Schläge oder sonstige Einflüsse. Insgesamt wirkt das Design eher wie die Kulisse eines Filmes anstatt einem Schauplatz für ein gelungenes Videospiel.
Sound
Als audio-affiner Mensch spielt der Ton bei Videospielen für mich eine große Rolle- zwar durchaus untergeordnet zu grafischen und storytechnischen Elementen, allerdings durchaus maßgeblich. Nachdem ich im Rythmus weniger Minuten immer wieder ein Knacksen und kurzzeitige Aussetzer zu hören bekam hatte ich erstmal Angst um mein Equipment. Nach ausgiebiger Kontrolle konnte ich erleichtert feststellen, dass diese Probleme nicht von der Gerätschaft, sondern dem vorliegenden Spiel verursacht wurden. In unregelmäßigen Abständen bricht der Ton komplett ab, dann schallt er wieder aus dem Nichts um womöglich beim nächsten Schuss wieder abzusaufen. Schade.
Ansonsten ist das Sound-Design zwar etwas lieblos ausgefallen, aber hin und wieder hat man sich durchaus Mühe gegeben. Bei Autofahrten läuft knackiger Ghetto-Rap im Hintergrund, allerdings für "wir-sind-coole-Cops" in einer viel zu niedrigen Lautstärke. Die Waffengeräusche wie Mündungsfeuer und Nachladen klingen insgesamt doch eher monoton und mir fehlt ein wenig der ausschlaggebende Feinschliff. Der Bass hat dennoch glanzvolle Auftritte im Spielverlauf, wie auch grafisch zeigt das Spiel in den Cutscenes irgendwie mehr Potential als wenn der Spieler selbst die Zügel in die Hand nimmt.
Weiterhin kann ich nur empfehlen das Spiel auf Englisch zu spielen (Englischer Ton ebenfalls auf Disc vorhanden, einfach Systemsprache der Konsole auf Englisch umstellen), denn die deutsche Synchronisation setzt dem betriebenen Murks nur noch die Krone auf. Die Stimmen sind teilweise wirklich absolut nicht auf die "Akteure" im Spiel abgestimmt und zu allem Überfluss wurde die Lautstärke nicht synchron an die Umgebungsgeräusche angepasst, die Stimmen sind zu laut und übertönen einfach alles. Letzteres muss man aber auch an der englischen Tonspur bemängeln.
Warum ein "neuer, wilder Westen"
Was sich Ubisoft, respektive Techland wohl dabei gedacht haben... Die Call of Juarez-Reihe hatte stets ihren angestammten Platz im "Wilden Westen", d.h. war irgendwo zwischen 1830 und 1880 angesiedelt. Nun versucht man, den Charme und die Atmosphäre des First-Person-Shooters in die Neuzeit zu katapultieren und sorgt dabei in der Gamer-Gemeinde für etwas Verwirrung. Es stellt sich die Frage: Warum?
FPS gibt es nun wahrlich genug auf dem Markt- ich möchte fast schon von einer Überschwemmung sprechen. Gute "Western"-Spiele machen sich - trotz dem Erfolg von Red Dead Redemption 2010 - rar. Womöglich hat man Angst, im Schatten eines solchen Blockbusters zu verschwinden? Doch ein ähnliches Konkurrenzprodukt hätte den Markt durchaus beleben können. Warum nicht zeigen, wie andere Entwickler den Wilden Westen sehen? Wahrscheinlich ist nach zwei Teilen Call of Juarez den Entwicklern einfach die Luft ausgegangen. Wie auch immer, auch als neu entwickeltes Konzept hätte sich "Call of Juarez: The Cartel" leider nicht von gängigen FPS abgehoben. Man bekommt zwar jede Menge Action geboten, doch die entspricht eher dem Einheitsbrei, den sämtliche andere Titel in diesem Milieu auch abliefern. Flotte Verfolgungsjagden, bei denen gerne mal ein Auto in die Luft geht, das versteht man wohl unter einem modernen Cowboy-Shooter. Eine Kuhherde oder Kanufahrt war da wirklich mal etwas Anderes.
Fazit:
Es ist überaus bedauerlich, dass man die Call of Juarez-Reihe nicht im Wild-West-Setting belassen hat. Der Markt dafür ist definitiv vorhanden, was Rockstar im vergangenen Kalenderjahr eindrucksvoll bewiesen hat. Ein Transfer in das moderne Zeitalter wäre vielleicht auch nicht das K.O. für den Titel gewesen- die technische Umsetzung so zu verkorksen allerdings schon. Call of Juarez: The Cartel bietet zweifelsohne eine gute Portion Action, doch hebt sich diese in keinster Form von anderen Titeln der Sparte ab. In Sachen Gameplay hat man sich ebensowenig bemüht von gängigen Mustern abzuheben. Sowohl grafisch als auch akustisch muss man sich leider eingestehen, dass dieser Titel in den Cutscenes mehr Potential zeigt als im regulären Spielverlauf. Auch ein gut gemeinter Koop-Modus rettet das Spiel im 'Mexican Standoff' dann nicht vor dem bitteren Rückfall gegenüber einer harten Konkurrenz.
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